Tour de Ostsee
Von Rostock nach Leipzig
Tour de Ostsee 2001
Rostock -> Leipzig
Die Tour de Ostsee wurde von der Firma Finanzcenter AG ins Leben gerufen. Sie entstand aus einer Wette zweier Herren dieser Firma. Der eine, recht sportlich behauptete, dass es möglich sei, die Distanz von Leipzig bis zur Ostsee innerhalb 24 Stunden zu bewältigen. Der andere behauptete das Gegenteil. Top und die Wette stand also.
Es gab einige Leute, die davon erfuhren und die sofort daran teilnehmen wollten. Nun versuchte man der ganzen Sache noch einen karitativen Charakter zu verpassen, damit diese Unternehmung auch noch einen Sinn hatte. Es wurde festgelegt, dass pro gefahrene 10 Kilometer eine Prämie in Höhe von 10 DM eingefahren wurde. Das erstrampelte Geld sollte dann dem Völkerschlachtdenkmal und dem Leipzig Zoo sowie dem Rostocker Zoo zugute kommen.
Eigentlich wollten wir schon 2000 an der Ostseetour teilnehmen, Jörg begann aber gerade zu diesem Zeitpunkt sein Arbeitsverhältnis in der Schweiz und ich hatte 2 Wochen vorher eine stärkere Erkältung, wir konnten also beide leider nicht mitfahren. Es wäre sicher sehr schön gewesen, denn es war damals die erste Veranstaltung dieser Art und es nahmen nur knapp 25 Leute teil.
Jörg hatte vorher ein wenig trainiert, er radelte von Basel nach Paris in 2 Tagen, das waren insgesamt 500 Kilometer. Ich hatte mich nur mit kleineren Touren so um die 100 Kilometer vorbereitet.
In diesem Jahr (2001) war alles perfekt durchorganisiert. Freitag Mittag haben wir uns am Leipziger Zoo getroffen, dort wurden die Räder in einen Lkw verladen. Wir, das waren circa 90 Leute – unter ihnen auch Klaus und Uwe Ampler – und ein Betreuerteam von vielleicht 20 Leuten. Als wir am Treffpunkt ankamen, schauten schon einige Leute etwas komisch, weil wir nicht wie alle andern 87 Radler mit nem Rennrad ankamen, sonder mit unseren (schon etwas für lange Strecken und Asphalt modifizierten) Mountainbikes. Sie dachten sich wohl, die zwei Heißsporne werden schon noch Ihr blaues Wunder erleben. Wir hatten extra Rennreifen mit 1" bzw. 3/4" besorgt um den Rollwiderstand etwas zu veringern. Mit diesen Teilen fuhren die Bikes wie auf Schienen und darauf 420 PS, Manni und sein Kollege waren wieder auf Achse ;-)
Na ja, nun sollte es endlich losgehen, es war schon nach 13 Uhr, und wir stiegen in die 3 bereit gestellten Busse.
18 Uhr kamen wir dann in Rostock an. Die Bundeswehr stellte uns eine Turnhalle zur Verfügung in der wir unsere Räder unterstellen konnten und wo wir übernachten sollten. Das Armeegelände befand sich ganz in der Nähe des Ostseestadions (Hansa Rostock). Nachdem wir unseren Feldbetten bezogen hatten und alles organisatorische soweit erledigt war, sahen wir uns – geführt vom Rostocker Zoodirektor – die Stadt an. Rostock ist eine wunderschöne, alte Hansestadt und ich muss zugeben, dass ich diese Stadt vorher in ihrer Schönheit voll unterschätzt habe. Gegen 22:00 Uhr wollten wir uns dann langsam auf den Rückweg machen was aber in eine Odyssee ausufern sollte. Zu dritt (wir hatten inzwischen Thomas kennen gelernt) versuchten wir uns mit dem recht ungenauen Stadtplan durch die Straßen uns Gassen zu navigieren was uns aber leider nicht so richtig gelingen wollte. So waren wir dann erst 0:30 wieder in der Kaserne und einige Leute schliefen schon, das hatten wir ja eigentlich auch vor gehabt. Möglichst leise tasteten wir uns durch die fast dunkle Halle um nicht die Schlafenden zu wecken als auf einmal jemand das Licht anschaltete um in die Halle „Hi Fans“ brüllte. Er avancierte sofort zum Liebling der an der Tour teilnehmenden. Er war so um die 40 und ein echter Angebertyp, doch dazu später mehr.
Samstag, ... August 2001
Acht Uhr aufstehen. 90 Leute mussten sich 2 Toiletten und ca. 8 Duschen teilen, es hat besser geklappt als man denken könnte. Nachdem die Frühstücksbeutel verteilt waren, wurden wir in 3 Teams aufgeteilt. Das sollte die Nachtfahrt und Organisation erleichtern. Uwe Ampler hat sich uns heraus gesucht (es hat sich so ergeben) und er wurde unser Kapitän. Team 2 leitete Klaus Ampler und Team 3 Martin Götze (auch eine Größe des DDR-Radsports). Inzwischen setzte ein heftiger Regen ein der aber nicht lange dauern sollte.
Da wir noch bis 14 Uhr Zeit hatten und machen konnten was wir wollten, entschlossen wir uns das Stasi-Museum zu besuchen. Inzwischen setzte der Regen wieder ein und wir mussten erst mal noch im Museum ausharren. Als er weniger wurde fuhren wir gleich los, denn unsere Klamotten in der Kaserne wollten auch noch gepackt werden. Dort angekommen bereiteten wir uns erst einmal auf die Radtour vor. Wir erfuhren, dass der Tierarzt des Leipziger Zoos mit dem Rad gestürzt ist und jetzt mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus lag.
Gegen 18:00 Uhr sollten wir die Kaserne verlassen und zum Rostocker Zoo fahren um dort am Zoofest teilzunehmen. Das wurde jedoch zu einem schwierigen unterfangen, denn kurz zuvor war ein Heimspiel von Hansa Rostock zu Ende gegangen und deren Anhänger hielten sich auf den Straßen auf, so dass sie unbefahrbar war. Das zog sich dann bis 19:30 hin, dann hat es die Polizei endlich geschafft, die Straßen zu räumen.
Wir wurden dann von der Polizei zum Zoo eskortiert, dort angekommen konnten wir dann aus zeitlichen Gründen nicht mehr am Zoofest teilnehmen. Wir aßen schnell noch eine Kleinigkeit, es gab noch ein paar Fernseh-Interviews und Fotos und dann um 20 Uhr ging es endlich los. Direkt vor Fahrtantritt griffen wir uns schnell noch ein Perleneis, was sich angesichts der kühlen Temperaturen als Fehler erwies. Dieses Eis erwies sich auch als sehr ergiebig und wollte partout nicht alle werden.
Der Regen hatte sich inzwischen gelegt, die Straßen waren kaum noch feucht. Jörg und ich waren uns schon ein wenig unsicher, ob das gerade mit Mountainbikes zu schaffen ist. Deshalb gingen wir die Sache relativ ruhig an, wir fuhren in unserer Gruppe (Team 1) erst einmal ganz am Ende und leisteten keine Führungsarbeit.
Am Anfang und Ende des Fahrerfeldes fuhren Polizeieskorten, die die vorneweg fuhren, wiesen entgegenkommende PKW und sogar LKW an den Straßenrand und die die hinterher fuhren, passten auf, dass uns niemand überholte. Selbst rote Ampeln, Stoppschilder und Zebrastreifen wurden von der donnernden Meute einfach überflogen. 200 Km war die längste Strecke die wir bis dahin an einem Tag zurücklegten, 400 Kilometer jedoch konnten wir absolut nicht einschätzen. Gleich auf den ersten 5 Kilometern hatte der erste auch schon einen Platten, der Defekt wurde dann behoben und er musste dann wieder am ganzen Feld vorbei nach vorne fahren.
Aller 50 Kilometer machten wir eine kleine „Pinkelpause“, das sah dann lustig aus wenn 50 oder 60 Männer an den Büschen stehen. Aller 100 Kilometer gab es dann eine größere von ca. 15 Minuten, in dieser Pause konnte man essen und trinken sowie Ess- und Trinkvorräte für die Fahrt auffüllen. Diese Pausen waren aber fast zu lang man kam schlecht wieder in Schwung, weil sich die Muskulatur abkühlte.
Wir fuhren inzwischen voll in unserem Feld mit und leisteten auch zunehmend mehr Führungsarbeit. Unser spezieller Freund (s.o.) ließ sich in unserer Gruppe häufig zurückfallen und zog dann immer wieder Sprints an, er wollte uns allen wohl damit imponieren - mit seiner „Kraft“. Wir haben uns echt gefreut als er nach ca. 250 Kilometern aufgab, da hat die Kraft wohl doch nicht mehr gereicht. Wir trugen keine Slips, rieben unsere Hintern usw. mit Sitzcreme ein, damit auch a nichts reiben kann, die Fahrt ohne Slip erwies sich für Jörg auch auf Grund hohen Kaffeekonsums als nicht so gute Entscheidung, er unterkühlte sich die Blase und musste ständig Zwischenstopps einlege um dem großen Drang nachzugeben. Er kam dann nur mit kräfteraubenden Sprinteinlagen wieder an das Feld heran.
Thomas, der Rennrad-Neuling den wir am Vorabend kennen lernten musste auch aufgeben, er hat erst ein halbes Jahr zuvor mit dem intensiveren Rad fahren begonnen und hatte sich das Rad auch nur ausgeliehen.
Ein Begleitfahrzeug, dass im Anhänger eine große Musikanlage und einen Generator hatte, welche uns mit z.T. Wunschmusik versorgte uns von den Strapazen etwas ablenken konnte.
Wir sangen fast während der ganzen Tour Lieder die uns einfielen (zumeist Ärztelieder) um gegen die nun langsam aufkommende Müdigkeit anzukämpfen. Die schlimmste Zeit war so zwischen 2 und 4 Uhr, wo man durch einen größeren Schlenker aufgeschreckt wurde und feststellen musste, dass man mal eben kurz weggenickt war aber trotz alledem weitergekurbelt hatte. Ein Wunder, dass es dabei nicht zu größeren Unfällen kam, denn mit diesem Problem hatte sicherlich jeder zu kämpfen. Trotz allem war die Nacht gganz schön kurz, die Morgendämmerung setzte ein und langsam erwärmten sich auch wieder meine Knochen. Ich hatte meinen Rucksack in der Fülle der Fahrzeuge nicht finden können und konnte somit meine lange Radhose nicht anziehen.
Das schlimmste waren meistens Kopfsteinpflasterstraßen die einen auf Grund des hohen Reifendrucks von 10 bis 11 bar ordentlich durchschüttelten und da gab es manchmal Passagen bis zu 10 Kilometer.
Die größeren Pausen wurden zunehmend zur Qual, man hatte immer mehr zu tun wieder in Gang zu kommen, und langsam spürte man auch den Hintern. In diesem Pausen wurden wir durch den Veranstalter optimal mit Würstchen, Müsliriegeln, Bananen versorgt und man stopfte manchmal soviel in sich herein, dass man glaubte zu platzen nur aus Angst vor einem Hungerast. versorgt
Mit der Morgendämmerung standen auch wieder vereinzelt Zuschauer an den Straßenrändern, die mehr oder weniger verdutzt schienen, da nützte selbst die schon von weitem zu hörende Ankündigung des Fahrerfeldes über Lautsprecher nichts. Für die Tour wurden extra 2 Lieder umgedichtet, das eine war "Sing mei Sachse sing" und an das andere können wir uns nicht mehr so richtig erinnern. Diese beiden Lieder sangen wir sangen wir fast bis zum erbr... am Ende der Tour schrieen wir diese Lieder vor Euphorie und aus einem Gefühl der Befreiung heraus. Die ersten bekannteren Orte, die ersten vertrauten Orte mobilisierten selbst bei den ausgebranntesten noch einmal die letzten Kräfte, da das Ziel doch greifbar nah schien. Unterwegs ernteten wir und vor allem noch ein anderer Biker, der mit richtig fetter MTB-Bereifung fuhr, von manch anderen Teilnehmer nur verständnisloses kopfschütteln über die fahrbaren Untersätze, doch gerade die Exoten sorgten mit Führungs- und Tempoarbeiten und schließlich der Zielankunft für Verblüffung und somit Anerkennung der Leistung.
Am Vormittag überquerten wir mit der Fähre die Elbe, direkt am anderen Ufer gab es in einem kleinen Café Kaffee und Kuchen und anschließend noch von hübschen Physiotherapeutinnen wohltuende Massagen für die Bedürftigen. Das "Stück" bis Leipzig zog sich dann noch einmal enorm. Martin Gözte pfiff Jörg und mich zurück, weil uns wohl irgendwie die Pferde durchgegangen sind. Vor Leipzig machten wir noch einmal halt, denn wir waren etwas schneller als geplant, 14 Uhr durften wir erst am Leipziger Zoo ankommen, weil das ja mit den Medien so abgesprochen und der Bevölkerung so publik gemacht wurde. Nach dieser letzten Pause fuhren dann alle wieder mit (auch die, die vorher ausgestiegen sind). Ab der Leipzig Stadtgrenze wurden wir dann von einem MDR-Hubschrauber begleitet, welcher uns aus der Luft filmte. Jetzt setzte wieder ein kleiner Nieselregen ein, der nun aber keinen mehr störte. Am Straßenrand standen nun schon einige Leute die uns anfeuerten.
Wir schickten die Mädchen in die erste Reihe - 4 von 5 haben es auch wirklich geschafft – weil sie es am meisten verdient hatten vorne zu fahren und um das ganze nicht als Rennen zu beenden.
Der Winner der diesjährigen Tour war, wie es niemand anders vermutet hat, unser Freund "Sprinter", mit einem breiten Grinsen auf den Lippen überquerte er die Ziellinie wie der Gewinner der Tour de France - doch wir kennen sein kleines Geheimnis!
Am Zoo angekommen, wurden wir vom Menschauflauf bejubelt. Wir erholten uns ein wenig und dann sollte uns mit der Familientour, die vom Zoo zum Völkerschlachtdenkmal und anschließend zum Cospudener See führte, das schwerste Stück Arbeit auf uns warten. Man tuckelte in einem gemütlichen Tempo dahin, so dass wir fast einschliefen, es war aber verständlich, denn es nahmen auch kleine Kinder daran Teil. Am Völkerschlachtdenkmal wurden wir vom Völkerschlachtverein mit Salutschüssen empfangen, nach kurzer Rast ging es dann zum Cospudener See. Bei diesem recht langsamen Tempo wollte die Strecke aber irgendwie gar kein Ende nehmen.
Am See angekommen aßen wir erst einmal Kartoffelsuppe aus der Gulaschkanone (jeder so 2 bis 3 Schüsseln) hm war die Lecker.
Wir kamen nun so langsam zur Ruhe und stellten fest, dass wir immer müder wurden. Wir waren nun immerhin schon 34 Stunden auf den Beinen bzw. dem Hintern. Und den spürte man jetzt schon ganz schön (und das trotz Sitzcreme). Nach 2 Stunden, so gegen 18:30 verließen wir dann den Cospudener See und radelten in Richtung Heimat. Es wurde nach der langen Pause immer anstrengender.
Alles in allem sind wir 450 Kilometer gefahren, das war schon eine ganz schöne Strecke! Zu Hause angekommen schmiss ich mich erst man in die Wanne, musste dabei aber bewacht werden, weil ich dabei ständig einschlief. Um 21 Uhr ging es dann ins Bett nach fast 38 Stunden ohne Schlaf.
Am nächsten Tag taten uns die Beine komischerweise gar nicht weh, nur der Hintern war etwas wund.
Während der gesamten Tour hatten wir nie das Gefühl der vollkommenen physischen Erschöpfung und des quälens, dennoch waren wir Glücklich, als die Tour hinter uns lag.
Leider musste die Finanzcenter AG (Veranstalter der TdO) im Jahr 2002 Insolvenz anmelden und konnte die Tour konnte in diesem Jahr nur in verkleinerter Form stattfinden. Wie es im Jahr 2003 weitergeht wissen wir leider auch nicht.
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