Tour de Bart

Samstag, den 8. Juni 2002

Früh am Morgen quälten wir uns aus den Betten. Abfahrt Lausanne 6.03Uhr – Ankunft Avignon 12.00Uhr. Mit strömenden Regen begrüßte uns die Provence, und die Stimmung sank sofort bei diesen trüben Aussichten. Keine Chance bei diesem Wetter auch nur ein Fuß vor die Türe zu setzen. Wir entschlossen uns, ein Café aufzusuchen und auf bessere Zeiten zu hoffen. So kamen wir zu unseren ersten Fußballspiel (Kroatien : Italien 2:1)der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft, die in Japan und Südkorea ausgetragen wurde. Bei den ersten Anzeichen einer Wetterbesserung sprangen wir auf, um zumindest noch etwas außerhalb der Stadt zu gelangen. Schließlich kribbelte es uns in den Füssen, wir wollten, dass es nun endlich losgehen konnte. Unter wolkenverhangenen Himmeln kamen wir die letzten uns verbleibenden Stunden noch gut vorwärts. Vor einem Supermarkt in L`Isle lernten wir ein gar kauziges Ehepärchen kennen. Sie entnahmen unseren Rädern, dass wir Touris waren, und ehe wir es uns versahen, redeten sie schon beide wild auf uns ein, allerdings in einer freundlichen Art und Weise. Schon das Aussehen der beiden, wirkte sehr belustigend auf uns. Der Mann kugelrund, die Frau kugelrund und dazu noch etwas beschwipst. Wobei man nicht zu sagen braucht, dass die beiden die besten Lokale in der näheren Umgebung kannten und uns somit mit Restauranttipps eindeckten. Sie waren beide nicht zu bremsen in ihrem Redeschwall, so dass wir letztendlich einen Schlussstrich ziehen mussten, sonst würden wir uns heute noch an Ort und Stelle befinden.
Die Stadt selbst war für ihre Kirche und die vielen Wasserräder bekannt. Die gesamte Ortschaft durchzog ein großes System von Bächen und Kanälen, welche die vielen riesigen, moosbeschichteten Wasserräder antrieben.
In der Kirche wohnten wir noch kurz einer Trauung bei. Wieder aufkommender Regen zwang uns zur Einkehr in ein Café, in dem wir fast bis zum Sonnenuntergang verweilen mussten. Der Regen wollte und wollte einfach nicht versiegen. Letztendlich beschlossen wir aufzubrechen, so dass wir nach kurzer Zeit klitschenass waren und das Zelt außerhalb der Stadt hinter einer hohen Hecke auf einer Wiese direkt neben der Strasse aufbauten.




Sonntag, den 9. Juni 2002 Etappe 59

L´Isle-s-la-Sorgue – Fontaine-de-Vaucluse – Gordes – Roussillion ~56km

Am Morgen erwartete uns auch schon die Sonne, die schnell unsere klammen Sachen trocknete. Eine steife Brise war aufgezogen, die von nun an für zwei weitere Tage unsere ständige Begleiterin sein sollte. Unser Glück war, dass sie die Hitze ein wenig erträglicher machte und meistens seitlich oder von hinten kam. Am Wegesrand fanden wir unser Frühstück: süße, saftige Kirschen, die einen die ganze Woche über förmlich in den Mund zu wachsen schienen. Aber spätestens ab dem 3. Kilo waren wir dann doch auf etwas mehr Abwechslung aus.
Wir durchquerten Fontaine-de-Vaucluse, in welcher der Dichter Petrarca (1304-1374) einst sehnsüchtige Sonetten an seine unerreichbare Geliebte schrieb. Von der Idylle und Überschaubarkeit ist heute nur noch am frühen Morgen etwas zu spüren, bevor die vielen Touris die Stadt förmlich zu überschwemmen schienen. Die Hauptattraktion ein riesiger Wasserfall, in dessen Genuss wir leider nicht kamen, denn zur Sommerzeit versiegt er und außer einem kleinen Wasserloch gibt es nichts zu bestaunen.
Da wir uns an diesem Tag bis jetzt nur von Kirschen ernährt hatten, lagen unsere Mägen zur Mittagszeit in den Kniekehlen. An einer Fleischerei vorbeikommend, brutzelten 4 braune Hähnchen in einem Grill, und ein würziger Geruch lag in der Luft. Schon stellten wir uns den Verzehr derselbigen vor. Doch zu unsrem Unglück war das Interesse der vor uns, in der Schlange stehenden Leute, ebenfalls sehr groß, so dass uns das letzte Händl quasi vor unserem Schlund wegstibitzt wurde. So zogen wir die nächste Bäckerei und begnügten uns typisch französisch mit Baguette, Käse und Wein.
Ein kleines Dorf (Village des Bories) im Reiseführer weckte unser Interesse. Nach einem Stück harter Strampelarbeit erwartete uns ein Eintrittspreis von 5 Euro pro Nase und eine undurchdringbare Mauer. Schon etwas unverschämt, für ein halb verfallenes Dorf so viel Geld zu verlangen. Das hieß für uns: unverrichteter Dinge wieder zurückzufahren.
In Gorges angelangt genossen wir die herrliche Aussicht auf die Stadt und diese überdimensionale Weite. In der Ferne verführte der Wind die Felder zum Tanz; wellenförmig wiegten sich die Kornähren, harmonische Bewegungen vollführend. Am Horizont waren bereits die unverkennbaren Felsen von Roussillon zu erkennen, ihre rote, ockernde Farbe strahlte über die gesamte Ebene.
Ein altes Kloster (Abbaye de Sénanque)weit außerhalb der Stadt und nur über einen anstrengenden Weg erreichbar, war das nächste Ziel. Von den drei Zisterzinserklöstern der Provence wird Sénanque als das Schönste beschrieben, es zeichnet sich durch seine Schlichtheit und die zurückgezogene Lage aus. Nach einem kurzen Abstecher ins Innere, wo Touris sich scharten, traten wir den Rückzug an. Roussillon bot, auf einen Hügel gelegen, eine Reihe herrlicher Weitblicke über die Landschaft. Berühmt ist es durch seine Farben geworden. Die Farben der eisenhaltigen Berge aus Tonerde reichen von leuchtendem Ocker bis hin zu rostigem Rot.
Die Häuser der Stadt Roussillon sind häufig im gleichen Farbton gehalten: in einem warmen Ocker. Nach dem Essen in der Pizzeria fanden wir wieder ein schönes Plätzchen vor einer Schlucht mit den typischen ockerfarbenen Felsen.




Montag, den 10. Juni 2002 Etappe 65+93

Roussillion-Bonnieux-Lourmarin-Manosque ~63km

Unsere heutige Tagesroute führte uns als erstes nach Bonnieux, wo uns eine sehr alte Kirche aus dem 12.Jh ein sonniges Plätzchen bot. Und doch ließ uns der immer noch heftig wehende Wind einige kalte Schauer über den Rücken laufen. Ein harter Anstieg hatte uns vorher einige Mühe gekostet, die Kirche stand zusätzlich noch auf der höchsten Erhebung der Stadt. Oben angelangt, wurden wir jedoch mit einem herrlichen Rundblick belohnt. Bei Brot, Käse und ein Glas Wein genossen wir die Sonnenstrahlen hinter einem windgeschützten Gemäuer und dösten ein Weilchen vor uns hin.
Die letzen beiden Tage begleitete uns ein stetig heftiger Wind, der mal von der Seite, mal von hinten angriff, doch kamen wir relativ schnell vorwärts, den Mistral immer im Nacken.
Die reifen, gelben Kornfelder erstreckten sich vor uns, gespickt mit zahllosen roten Punkten, der sich als rotblühendender Mohn herausstellte. Wir ließen Lourmarin hinter uns, weil ein normales Stieleis für umgerechnet 6DM uns dann doch etwas zu teuer erschien, und unser Budget nicht unnötig ausgedehnt werden sollte.
In dieser Gegend ließ sich einst der Literaturnobelpreisträger und Existentialist Albert Camus (1913-60) aus Algerien nieder. Nur einer von vielen Künstlern, die sich hier inspirieren ließen, und die, die Provence förmlich magisch anzusaugen schienen.
Am See Etang de Bonde nahmen wir in den noch recht kühlen Fluten ein erfrischendes Bad und sonnten die noch käsigen Körper einmal komplett in der Sonne.
Endlich in Manoque angekommen, hatten wir bei der Suche nach einem geeigneten Restaurant nicht allzu viel Glück, die meisten hatten montags geschlossen. Also blieb nur eines der teuren am Marktplatz übrig, wo wir unseren Hunger mit Spaghettis stillten. Da es mittlerweile schon recht dämmrig geworden war, war wieder einmal höchste Eile geboten, um noch einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Diesmal sollte es neben einem Kornfeld hinter einer kleinen Baumgruppe sein. Ganz in der Nähe lag ein angrenzendes, altes und bereits verfallenes Steinhaus. Die Natur hatte sich den Überresten dieses Hauses bereits wieder bemächtigt, und des nebenstehende Strauchgewächs umschlang es mit 2 kräftigen grünen Armen , um sich auf der anderen Seite wieder zu vereinigen. Baumkronen ragten durch das eingestürzte Dach.
So liegen Verfall und Neuanfang dicht beieinander.




Dienstag, den 11. Juni 2002

Manosque – Gréoux les Bains – Allemagne en Provence

In Gréoux les Bains war unser langes Warten dann doch noch von Erfolg gekrönt. Wir kamen endlich an unser langersehntes Hühnchen. Knusprig braun, drehten sie ihre Runden im Grill. Das braune Fett sammelte sich im Auffangbecken und machte uns den Mund wässrig. An einer Kirche machten wir uns frisch, um dann ganz genüsslich unser hart erstrampeltes Essen zu verzehren. Der Markt breitete seine frischen Zutaten vor unseren Augen aus. Aus jedem Winkel kamen andere Gerüche, wobei der von farbenfrohen Gewürzen am stärksten war.
Der nächste Weg führte uns geradewegs in die Kneipe. Das WM-Spiel Dtl. - Kamerun stand auf dem Programm, wobei die Deutschen nach hartem Kampf und vielen gelben und roten Karten das Spiel mit 2:0 für sich entscheiden konnten. Die Mittagshitze ließen wir bei Eisbecher und kühlen Softdrinks an uns vorbeiziehen.
Wir durchquerten ein Dorf mit dem ungewöhnlichen Namen Allemagne en Provence, und der Tag neigte sich langsam dem Ende. Unser heutiges Nachtlager, das wahrscheinlich Schönste der ganzen Tour, war ein ehemaliges Flussbett, nun ausgetrocknet, welches in einen kleinen See gemündet hatte und eine Schneise durch den Wald zog, bot uns seine stummen Zeitzeugen - Steine. Der Wald, die Wiesen lagen ruhig in der abendlichen Sonne und wärmte noch einige Zeit unsere nackte Haut. Die Bienen summten, ab und zu flog ein kleiner Schmetterling vorbei, setzte sich auf unsere Füße, um bald wieder aufzubrechen. Die gesamten Anstrengungen lagen mit einem Mal weit hinter uns. Einfach nur da liegend, einen Grashalm im Mund, um in die Tiefen des blauen Himmels zu sinnen. Es begann ein wiedereinsetzendes Verschmelzen mit der Natur, die nicht neben einem läuft, sondern mit dieser wir eine Symbiose eingehend, wir die Mutter der gesamten Menschheit erkannten. Es vollzieht sich der umgekehrte Geburtsprozess, das Aufgehen als Einsicht, das harmonische Sich-Treiben-Lassen und die Wiederverschmelzung. Eine wahre Idylle tat sich uns in diesem kleinem Flusstal auf. Die Vögel sangen bis weit in die Nacht hinein, wir lagen still und lauschten.... .