Alpencross

Tourtagebuch Alpencross



25.08.99 Mittwoch "Im Banne des Rausches"

Nach dem Frühstück (noch bei Fam. Wechner - wir nahmen uns noch ein paar "Einwegmarmeladen" und etwas Wurst mit) begannen wir mit dem Packen unsrer zum Glück getrockneten Klamotten und danach erfragten wir die Bahnpreise für die Silvretta - Seilbahn (Fimbabahn). Nun kam es zum unangenehmen Teil, der Bezahlung. Wir hatten vorher schon (als kleinen Dank) die Betten abgezogen und den Müll weggeschafft, das Zimmer sozusagen tipptopp verlassen als die Wirtin statt 160 sogar 200 Schillinge verlangte. Die Auffahrt zum Äußeren Viderjoch (2739m) bewältigten wir zum größten Teil in der Seilbahn. Dort trafen wir eine sehr nette Einheimische, die wie hier wahrscheinlich alle, in der Tourismusbranche tätig war. Es ist schon erstaunlich, wie locker die Menschen hier miteinander umgehen (auch Touristen gegenüber). Jeder gibt einem gern (mit einem Lächeln auf den Lippen) eine Auskunft und oft gedeihen daraus Gespräche nach dem woher und dem wohin. - Die Frau in der Seilbahn erzählte uns von Murmeltieren und den Lawinenunglücken in Galtür (38 Tote) und Ischgl (2 Tote). Dabei, so sagte sie, sei sie schon 2 mal dem Tod knapp entronnen (Grund: Lawinen). Einmal wurde sie im Haus mit den wahrscheinlich dicksten Wänden (keilförmig) von ganz Tirol, von einer Lawine begraben. Wir sprachen weiterhin über die allgemeine Touristensituation in Ischgl (und Galtür) ist im Sommer Nebensaison. Zum Abschied wünschten wir uns gegenseitig noch eine gute Reise uns dann setzten wir unsere Tour fort. Zuerst einmal mussten wir noch die letzten 400 Hm (größtenteils) schiebender Weise bewältigen. Nach einer Stunde am Gipfel angekommen, bot sich uns ein phantastischer Panoramablick über die Alpen.

Bei diesem großartigen Anblick bekam Jörg eine Gänsehaut (er staunte, was für Kräfte hier beim Entstehen solcher gewaltiger Bergmassen gewirkt haben müssen). Die letzte Etappe der heutigen Tour sollte sich als einziger, ewiger Downhill herausstellen. Es war wahrlich ein Härtetest für Mensch und Maschine (Material). Es ging eine stark geschlängelte Schotterpiste herunter (das Schreiben macht jetzt schon sehr viel Mühe, da es schon fast Dunkel ist) bei der man dennoch geile Highspeeds erreichte. Dann kam es zum bisher spektakulärsten Sturz von Thomas (bisher auf dieser Reise). Zitat der Hergangs aus Thomas` Sicht: " Zur Entwässerung der Piste waren vereinzelt kleine Holzkanäle quer zur Fahrtrichtung eingebaut. Beim überqueren einer solchen Rinne machte das Hinterrad einen großen Satz bei Geschwindigkeiten zwischen 50-60 Km/h. Als nun eine Rechtskurve kam und ich zu bremsen begann (Bremsleistung ließ durch Hitze und Überbeanspruchung stark nach [heiße Bremsen und Felgen]), war plötzlich vor mir eine Bodenwelle, so dass das Bike die Traktion verlor und ich fast ungebremst die Böschung (Abhang) hinunterschoss. Im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte zog ich den linken Fuß aus dem Pedalhaken und ging aus dem Sattel. Die nächsten Augenblicke nahm ich nur Bruchstückhaft wahr, so dass Jörg jetzt weiter schildert". Jörg: " Thomas schoss mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit mit quietschenden Bremsen und blockierenden Rädern den Abhang hinunter. Doch durch das Springen des Fahrrads und die hohe Geschwindigkeit war er auch zu weit außen, in der Kurve und so gab es kein Entrinnen mehr. Mit dem Fuß versuchte er sich noch abzustützen, dass Rad sprang für einen kurzen Moment hoch und er flog über den Lenker. Das Bike Überschlug sich mehrmals und er rollte sich geschickt ab. Auch Thomas überschlug sich noch 1-2 mal und dann kam er rutschen zum Stehen. Schade, dass ich die Kamera nicht bereit hatte. Zum Glück ist außer ein paar Schürfwunden nichts geschehen. Es hätte allerdings auch böse enden können. Es ging jedoch alles recht glimpflich ab und die Tour konnte ohne Schad an Mensch und Maschine fortgesetzt werden." Jedoch jetzt mit gehörig mehr Respekt vor der Abfahrt und den nichtziehenden Bremsen. Das Bremsen auf groben Schotter und mit dem vielen Gepäck war natürlich doppelt so schwer. Richtung Larêt ging es dann weiter auf der Strasse bergab, ein Zollbeamter schickte uns die kürzere (und weniger befahrene) Strecke nach Nauders.

Auf der heutigen Tour durchquerten wir 3 Länder (Österreich, Schweiz und Italien). Bis Nauders ging es nun noch einmal gewaltige 6 km bergauf mit Tempo 10,5 (in der prallen Sonne), man nahm eigentlich gar nicht mehr die wunderschöne Landschaft und den strahlend blauen Himmel wahr. Das einzige was wir noch merkten, war der Schweiß, der in kleinen Bächen die Köpfe und anschließend den ganzen Körper hinunterrann, aber auch jede einzelne Muskelfaser wie sie kontrahierten und sich wieder entspannten. Diesen Anstieg durften wir aber auf der anderen Seite des Berges wieder hinunterheizen. Wir durchfuhren einige Tunnel (ohne Beleuchtung) die sich aufgrund der Sonnenbrillen und der Kurven nur sehr schwer einsehen ließen. Meist orientierten wir uns an der Rückleuchten der vor uns "kriechenden" Autos. In Nauders ließ Thomas noch mal kurz sein Bike durchchecken, welchen von der Regentour etwas abbekommen hatte (leichtes Knacken im Tretlagerbereich). Der Kfz-Mechaniker schraubte eine Schraube in das Pedal und zog ein paar Ringe am Innenlager nach und verlangte für eine Arbeitszeit von maximal 10 Minuten, 50 Schilling. Thomas kratzte seine letzten Schillinge zusammen à es waren noch 40, mit denen er sich auch zufrieden gab. Dies war nun schon das zweite mal an einem Tag, dass wir abgezockt wurden. Gutgestärkt ließen wir unser Tagesetappenziel (Nauders) hinter uns und fuhren noch ein paar Kilometer. Wir überquerten die Österreichisch - italienische Grenze und fuhren zum Reschensee, wo wir das heutige Nachtlager aufschlagen wollten. Der kleine Kirchturm, der aus dem Reschensee ragt ist eine Hauptattraktion in diesem Gebiet. Wir kauften noch etwas Reiseproviant in einem kleinen Supermarkt (in diesem Teil des Landes wird größtenteils deutsch gesprochen) Brötchen, Äpfel, Kuchen, Wein und Snickers ein. Bald hatten wir auch schon ein schönen Plätzchen zum campieren gefunden (auf einer Geröllhalde direkt neben einer Staatsstrasse). Die Sonne schien noch eine Weile (wir hatten uns etwas die Platte gerötet), so dass wir in den eiskalten See (ca. 900 m) sprangen und wenigstens den Schweiß vom Körper waschen konnten. Kurz darauf war auch schon das Essen auf dem Kocher fertig (Spagetti mit Hühnersuppe und Brühwürfel - eine wirkliche Delikatesse im Verhältnis zu rohem Reis). Zum Nachtisch gab es wieder einen Apfel, von denen wir genug mithatten. Den Himmel trübte noch immer kein einziges Wölkchen, so dass wir beschlossen uns mit Isomatten, Wein und Kuchen hinunter an den See zu setzten. So ließen wir dann singender bzw. schreibender Weise den Tag ausklingen und freuten uns auf den morgigen Tag.



Daten:
reine Fahrzeit: 3:20 h
Distanz: 51,7 km
Durchschnitt: 15,5 km/h
Vmax: 75,5 km/h
Ps.: an der österreichisch schweiterischen Grenze werden trotz Schengener Abkommen z.T. noch die Ausweise verlangt. Wir konnten jedoch gleich weiter fahren, der Zollbeamte war sehr nett und beschrieb uns gleich noch die weitern Kilometer.